Das Märchen von der guten Luft


Von Christian Schürer, Tagesanzeiger 18. Juli 2017
        

Es waren findige Ärzte, die eine der bemerkenswertesten Erfolge in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte einleiteten. Vor rund 150 Jahren begannen sie, das Höhenklima als heilsam zu beschreiben. Allen voran der Davoser Kurarzt Alexander Spengler propagierte eine heilende Wirkung bei Lungentuberkulose, einer Krankheit, die auch «weisse Pest» genannt wurde und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als häufigste krankheitsbedingte Todesursache galt.
In Fachartikeln beschrieben diese Ärzte die «Heilkraft» des Höhenklimas, womit sie entscheidend dazu beitrugen, dass aus abgelegenen Orten in den Schweizer Bergen weltbekannte und prosperierende Kurorte wurden. Hochgelegene Ortschaften wie Davos und Arosa erschienen in der Folge geradezu als Quelle der Gesundheit. Exemplarisch kommt die Vorstellung des heilenden Bergs im Slogan des oft reproduzierten Werbeplakats von Otto Morach aus dem Jahr 1926 zum Ausdruck: «Der Weg zu Kraft u. Gesundheit führt über Davos».

Patienten brachten Geld nach Davos
Vor dem Ersten Weltkrieg erlebte der Bündner Höhenkurort seine Glanzzeit – als Anziehungspunkt für Patienten mit Geld. 31’000 Gäste besuchten im Jahr 1912 Davos, vorwiegend Tuberkulosekranke und nur zu einem kleinen Teil Sportgäste. Davos zählte damals 16 Privatsanatorien, daneben gab es mehrere Volkssanatorien für weniger begüterte Menschen.
Um 1950 zeichnete sich das Ende der Höhenkur ab, weil weniger Menschen an Tuberkulose erkrankten und nun wirksame Medikamente erhältlich waren. Sanatorien mussten schliessen oder wurden in Hotels oder Mehrzweckkliniken umgewandelt.
Vor einem Jahr jedoch schickte sich die Bündner Regierung an, die Erfolgsgeschichte der Höhenkur zu wiederholen. Christian Rathgeb, der Regierungspräsident des Kantons Graubünden, erinnerte im «Bündner Tagblatt» daran, wie Alexander Spengler einst «die wohltuende und gesundheitsfördernde Wirkung des Hochgebirgsklimas» erkannt habe: «Aus ganz Europa, teilweise sogar aus anderen fernen Ländern, reisten die Menschen nach Davos, wo sie Linderung beziehungsweise Heilung suchten.»
Ein ähnliches Potenzial ortete der Regierungsrat auch im heutigen Medizinwesen, flugs erhob die Bündner Regierung den «Gesundheitstourismus» zu einem Schwerpunkt der nächsten Jahre und setzte dazu eine Steuerungsgruppe ein.

Die Kraft der heilenden Berge
Jetzt sollen gezielt ausserkantonale und ausländische «Gesundheitsgäste» nach Graubünden gelockt werden, und der «Weg zu Gesundheit und Wohlbefinden» soll wieder in die Berge führen.
Nicht nur in Graubünden, sondern auch in anderen Kantonen wollen Behörden und Vermarkter den Medizintourismus fördern und wie um 1900 wohlhabende Patientinnen und Patienten aus aller Welt in die Schweiz holen. Allerdings erlitt das Konzept schon bald einige Rückschläge. Gross angekündigte Projekte zur Ankurbelung des Gesundheitstourismus wurden eingestellt, während Experten bemerkten, dass viele Menschen heute mit Vorliebe in ihrem Heimatland behandelt werden möchten.
Möglich also, dass sich die Erfolgsgeschichte der Höhenkur nicht so einfach wiederholen lässt und dass das einst mächtige Bild der heilenden Berge an Anziehungskraft verloren hat. Ein Bild, das eben nicht aufgrund eines in der Natur oder der Luft innewohnenden Heilfaktors entstanden war – sondern weil sich Bergdörfer clever als Orte der Gesundheit vermarkteten.
Obwohl ihre Vertreter jahrzehntelang alles daransetzten, die Wirkung des Höhenklimas mithilfe von wissenschaftlichen Studien und eigenen Forschungsinstituten zu belegen, liess sich jedenfalls kein Nachweis für eine Heilwirkung bei Lungentuberkulose finden.

Christian Schürer ist Historiker und Journalist. Soeben veröffentlichte er «Der Traum von Heilung: Eine Geschichte der Höhenkur zur Behandlung der Tuberkulose» (Hier & Jetzt, Baden 2017).

Quelle:
http://blog.tagesanzeiger.ch/historyreloaded/index.php/1172/das-maerchen-von-der-guten-luft/


Der Arzt Alexander Spengler (1827-1901)


Von Barbara Piatti

 

Davos um 1850: Eine abgelegene, verarmte Siedlung mit einigen zerstreuten Bauernhöfen hoch oben in den Bündner Bergen. Davos um 1900: Weltbekannter Luftkurort und mondäne Sanatorien- und Hotelstadt im Gebirge. Davos 2016: Bergferienort mit internationalem Ambiente und mit 1560m die höchste Stadt der Alpen. Durch das World Economic Forum (WEF) ein Kongressort von Weltbedeutung, Glamour-Faktor inklusive.
Wie es zu dieser erstaunlichen Entwicklung kam? Ein Ausländer und Asylsuchender hat den Höhenklima-Kurort buchstäblich erst erfunden: Alexander Spengler. 

Eine holprige Landstrasse im Prättigau, November 1853. Es ist vermutlich ein grauer, schon winterlicher Tag, an dem der deutsche Arzt Alexander Spengler (1827-1901) in einem einspännigen Leiterwagen und also unter etlichen Strapazen von Zürich nach Davos reist.
Dass er überhaupt in das abgelegene Landwassertal unterwegs ist, ist mehr als einem Zufall zu verdanken. Ebenso gut hätte er tot oder in Amerika sein können. Der einstige Revolutionär, der 1849 im Grossherzogtum Baden im Range eines Leutnants auf den Barrikaden stand und für eine neue politische Ordnung kämpfte, ist als politischer Flüchtling in die Schweiz gekommen. Ja, es heisst sogar, er sei „in contumaciam“, in Abwesenheit, zum Tode verurteilt worden – wobei ein Beweisdokument bis heute fehlt. Dem Freiheitskämpfer wird erlaubt, ein Medizin-Studium in Zürich aufzunehmen. 1853 bietet sich ihm eine Chance, die er ergreifen muss:  eine Stelle als Landschaftsarzt in Davos. Zwei Jahre später wird der Asylant Spengler eingebürgert. 

Zunächst erscheint Spengler die Arbeit in dem weltabgeschiedenen Hochgebirgstal als eine Art Verbannung. Sein Lohn ist gering, sein Gebiet dagegen so gross, dass er nur mit dem Pferd die weiten Strecken zwischen seinen Hausbesuchen bewältigen kann. Dauernd nagt das Heimweh an ihm, auch vermisst er die geistige Anregung, die Theater, die Cafés in Zürich. Doch dann findet er erstens eine Gefährtin, seine spätere Frau Elisabeth Ambühl, mit der er eine glückliche Ehe führt und fünf Kinder hat, und macht zweitens eine aufregende Entdeckung, die ihn nicht mehr loslässt: Er beobachtet bei allen Einheimischen „herrlichen ebenmässigen Körperbau, gewölbten Thorax, kräftige Herzmuskulatur“, er bewundert, dass sie „ohne Transpiration, ohne kurzathmig zu werden“ die steilen Bergwege begehen. Und vor allem: Ihm ist kein einziger Fall von Tuberkulose bekannt. Davos als „immuner Ort“, frei von der Krankheit, die zu jener Zeit unterschiedslos Arm und Reich dahinraffte? Die Schwindsucht im fortgeschrittenen Stadium galt als unheilbar. Wer sich der Hoffnung auf Heilung hingab und vor allem: wer es sich leisten konnte, reiste zu Kuren in mildes, südliches Klima.

Spenglers Idee, eine Kur im Hochgebirge, womöglich noch im Winter, in kalter, rauher und dünner Luft zu verschreiben, wurde von Fachkollegen zunächst als purer Wahnsinn abgetan. Schon die in den Anfängen des Kurorts verschriebenen Heilmethoden muteten merkwürdig an, etwa die sogenannte „Stabulation“ – längere Aufenthalte in einem Kuhstall, dessen ammoniakgeschwängerte Luft den Lungenkranken Heilung verschaffen sollte.  
Doch im Winter 1865 kommen zwei schwerkranke deutsche Patienten, der Buchhändler Hugo Richter und der Arzt Dr. Friedrich Unger, in Davos an, völlig erschöpft nach einer neunstündigen Fahrt im offenen Pferdeschlitten. Sie kuren den ganzen Winter über an der frischen Luft, auf improvisierten Liegen (Bretter über einen Heuschlitten gelegt) und ihr Zustand bessert sich rasch – da wendet sich das Blatt auch für Spengler. Die beiden Genesenen werden zu wichtigen Werbeträgern in der Frühphase des Kurorts. Und bald pilgern Kranke aus ganz Europa in die Bündner Berge... 1875 werden erstmals mehr „Winterkuranten“ als Sommergäste verzeichnet

Spengler verschreibt seinen Kranken Spaziergänge, Milchkonsum von bis zu drei Litern am Tag, kräftigende, aber leichte Ernährung, Einreibungen des Brustkorbes mit Murmeltierfett, das leichter als andere Produkte in die Haut eindringe und, ganz entscheidend – eiskalte Duschen.  Danach atmet man „leichter und tiefer, die Pulswelle ist voller und kräftiger, Appetit stellt sich ein“, notiert Spengler.
Der Erfolgt lässt nicht auf sich warten. Ausländische Investoren werden angelockt, etwa der Niederländer Willem Jan Holsboer; zusammen mit Spengler gründet er das erste grosse „Curhaus Holsboer-Spengler“, dazu die Eisenbahnlinie ab Landquart und das Sanatorium Schatzalp.

Innerhalb weniger Jahrzehnte bekommt der ärmliche Landwassertal-Flecken ein grossstädtisches, nobles Flair mit elektrischer Strassenbeleuchtung, Pferdetram und Kino. Belle-Epoque-Hotels und Sanatorien stehen dicht an dicht, Damen in Nerzen und Herren in Gehröcken aus feinem Tuch flanieren auf den schneebedeckten Strassen, trinken Five-0-Clock-Tea und besuchen Konzerte des Kurorchesters. Auf den Eisbahnen und in den Eingangshallen ist ein Stimmengewirr aus Deutsch, Englisch und Russisch zu hören. Das gesellschaftliche Leben brummt. 
Doch Spengler, der Revoluzzer von damals, hat seine Wurzeln nicht vergessen und sich zeitlebens auch für die Armen eingesetzt. Im von ihm gegründeten Alexanderhaus, betrieben von Diakonissinnen, wurde auch mittellosen Patienten eine Therapie angeboten. 

Eine imposante Erscheinung mit langem weissem Bart, aber von Altersgebrechen geplagt, zieht sich der Gründervater ab 1890 allmählich aus dem Berufsleben zurück. Längst haben sich neue Heilmethoden etabliert und seine Söhne Lucius und Carl sind zu führenden Lungentherapeuten geworden, beide als Chefärzte in berühmten Davoser Sanatorien tätig. Carl scheint wie sein Vater ein Gespür für Timing und Innovation zu haben: 1923 ruft er (um die Jugend nach den Traumata des ersten Weltkrieges wieder zu versöhnen) ein staatenverbindendes Eishockey-Turnier ins Leben. Unter dem Spengler-Cup geniesst es bis heute internationale Aufmerksamkeit. 

1901 stirbt Alexander Spengler, doch von seinem Tatendrang, von dieser medizinischen und unternehmerischen Erfolgsgeschichte, zehrt der Ort bis heute. Hätte nicht mit Spenglers Ankunft eine staunenswerte Verwandlung des alten Davos in einen kosmopolitischen Kurort eingesetzt, wären Thomas und Katia Mann vermutlich nie im Sanatorium Schatzalp gelandet. Und Davos wäre nicht als Schauplatz des Romans „Der Zauberberg“ (1924) in die Weltliteratur eingegangen. Ebenso wenig hätte sich ausgerechnet ein Bündner Dorf auf 1500 Metern Höhe für ein Stelldichein der globalen wirtschaftlichen und politischen Eliten angeboten. Doch seit 1971 und bis heute empfinden die illustren WEF-Gäste  den „Geist von Davos“ als ausserordentlich inspirierend. Einen Pionier-Geist, der allererst von einem Auswärtigen, einem Asylsuchenden in das Bündner Hochgebirgstal gebracht worden ist.

Quelle:
http://www.houseofswitzerland.org/de/swissstories/geschichte/alexander-spengler-oder-die-erfindung-von-davos
 

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Der „Curarzt“ Dr. Alexander Spengler auf einem Ölgemälde von Emilie Forchhammer (um 1890)
© Heimatmuseum Davos (restauriert auf Kosten von Samuel Miller, Davos)