Holzskulpturen auf der Jungfrau


Als Mahnmal für einen nachhaltigen Umgang mit den Naturschätzen standen auf dem Gipfel der Jungfrau sechs Holzskulpturen des Beatenberger Künstlers Dominic Müller. Jetzt wurden sie wieder ins Tal geholt.

Sonntagszeitung, Nadja Pastega 19.08.2017
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Mit dem Fernrohr sind sie von Interlaken aus zu sehen. Aus Wengen, meldet der Tourismusdirektor, reiche ein Feldstecher. Seit Mitte Juni ragen sechs Holzskulpturen, bis zu 2,40 Meter hoch, über den Gipfel der Jungfrau. Der Ort sei geradezu «magisch», sagt der Berner Oberländer Dominic Müller. Er hat die Skulpturen geschaffen – aus Baumstämmen der Region herausgesägt und geschnitten. Die Installation auf dem Gipfel der Jungfrau, 4158 Meter über Meer, ist wahrscheinlich die höchste Kunstinstallation der Welt. Sie soll auf die Schönheit des Unesco-Welterbes hinweisen. Jetzt müssen die Skulpturen aber zurück ins Tal gebracht werden, per Helikopter von Air-Glaciers. Die grosse Frage ist: Sind sie noch heil?

Zur Gruppe, die den 42-jährigen Müller auf den Gipfel begleiten wird, gehört Spitzenbergsteiger Stephan Siegrist. Er ist oft mit Ueli Steck geklettert, hat die Eiger-Nordwand rund 30-mal durchstiegen, im westlichen Himalaja den 7000er Thalay Sagar auf einer neuen Route geklettert. Mit dabei ist auch Thomas Senf, Fotograf und erfahrener Bergführer. Am Mittwoch wollen wir aufbrechen. Doch die Sicht ist schlecht, eine Nebelbank liegt vor dem Gipfel. Die Aktion wird auf Donnerstag verschoben.
6 Uhr im Lauterbrunnental. Die Steigeisen werden montiert, das «Gstältli» zum Anseilen angezogen, Eispickel, Karabiner und Seile in den Heli geladen. Am Steuerknüppel sitzt Martin Rufener, der frühere Cheftrainer des Schweizer Männer-Ski-Nationalteams, heute Alpin-Chef in Kanada. Um 6.30 Uhr lässt er die Rotoren warm laufen, dann steigt der Heli senkrecht in den Himmel, zieht vorbei an schroffen Felswänden und tosenden Wasserfällen. Am Horizont erhebt sich gewaltig das schneebedeckte Massiv der Jungfrau.

«Ich bin gespannt, wie es da oben aussieht», sagt Müller, «keine Ahnung, ob die Skulpturen überhaupt noch stehen.» Einzeln wurden sie mit Metallplatten im Fels verankert. Doch auf der Jungfrau herrschen extreme Wetterbedingungen. Es gibt schwere Unwetter mit Blitzschlag, der Wind fegt mit Spitzen bis zu 150 Stundenkilometern über den Grat. «Die Kräfte, die da wirken, erfüllen mich mit Ehrfrucht», sagt Müller.
Seine Kunstaktion ist auch gedacht als Mahnmal für einen nachhaltigen Umgang mit den Schweizer Naturschätzen. Dass dies nötig ist, zeigt die Situation auf den Schweizer Gletschern. Der Schnee des Winters war vielerorts bereits im Juni weggeschmolzen. Es herrschten Verhältnisse wie sonst im August.
Stephan Siegrist und Dominic Müller breiten die Skulpturen für den Abtransport vor. Foto: Thomas Senf
Die globale Erwärmung setzt auch dem gewaltigen Eismeer in der Aletsch-Arena zu. «In den letzten Jahren verlor der Aletschgletscher im Schnitt jährlich 40 Meter an Länge», sagt Klima- und Gletscher­experte David Volken. Bis zum Jahrhundertende werde er sechs Kilometer zurückgehen – dies, wenn die Temperaturen konstant bleiben. Es könnte noch dramatischer kommen. Die aktuellen Klimamodelle gehen von einem Temperaturanstieg um zwei bis drei Grad aus, sagt Volken. «Das würde bedeuten, dass bis Ende des Jahrhunderts nur noch zehn Prozent des heutigen Gletschervolumens vorhanden sind.»

Spitzenalpinist Stephan Siegrist bestätigt die extreme Situation im Hochgebirge. «Es tut mir weh, wenn ich sehe, was da passiert.» Zum Beispiel am Silberhorn, dem Vorgipfel der Jungfrau, der so heisst, weil der Schnee silbern schimmert. Vor drei Jahren wurde der erste kleine Fels sichtbar. Inzwischen ist praktisch der ganze Gipfelgrat durchgehend Fels. «Irgendwann ist das nur noch ein Steinhaufen», sagt Siegrist. «Es geht viel Schönheit verloren.»
Punktgenau schwebt der Hubschrauber auf dem Gipfel zur Landung nieder – nur eine Kufe berührt den Boden. Der Grat ist zu schmal für eine normale Landung, drei, vier Meter breit, mehr Platz ist da nicht. Links und rechts stürzen die Bergflanken in die Tiefe.
Wenige Minuten bleiben zum Aussteigen, während Pilot Rufener die Maschine bei starkem Wind im Gleichgewicht hält, eine Kufe über dem Abgrund. Dann hebt der Heli knatternd ab. Zurück bleibt die Stille des Berges. Und das leise Heulen des Windes, der eiskalt von Westen über den Grat zieht. Er zerrt an den Kleiden, brennt im Gesicht. Es ist 10 Grad unter null. Auf dem Boden liegen etwa 30 Zentimeter Neuschnee. In der Ferne sieht man den Mont Blanc und das Matterhorn.

Von den sechs Holzfiguren stehen noch drei. Eine 60 Kilogramm schwere Skulptur hat der Blitz der Länge nach gespalten. Zwei kleinere Figuren sind verschwunden, vermutlich pulversiert durch die Wucht des Blitzschlags. Mit einer Trennscheibe werden die Bohranker im Fels abgetrennt, die Metallplatten abgenommen, die Bohrlöcher sorgfältig verschlossen, damit keine Spuren am Berg bleiben. Die Holzskulpturen werden in das Transportnetz gewuchtet. Gut zwei Stunden dauerte der Abbau der Gipfelkunst. Siegrist zieht Helm und das Headset an, ruft über den Funk den ­Heli-Piloten. «Du kannst in fünf Minuten kommen.»
Plötzlich taucht eine Gestalt in Klettermontur auf dem Gipfel auf. «Berg Heil! Was ist denn hier los?», fragt der Alpinist gut gelaunt, stellt sich als «Luis aus dem Tirol» vor und blickt hinauf zum Hubschrauber, der nach mehreren Versuchen mit herabhängendem Seil exakt über dem Gipfel schwebt. «Kunst», sagt Siegrist und befestigt mit Karabinern das Transportnetz am Seil. Der Heli dreht ab und fliegt das Material ins Tal. «Berg Heil!», ertönt es erneut. Diesmal mit flämischen Akzent. Eine Seilschaft mit drei Belgiern ist auf dem Gipfel angekommen.

Zur Besteigung der Jungfrau gibt es zwölf verschiedene Routen mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgraden. Am meisten wird die Normalroute begangen, vom Jungfraujoch aus über den Rottalsattel und den Südostgrat. Auf diesem Weg sind nur 700 Höhenmeter zu überwinden. Mit Erfahrung, Kondition und der richtigen Ausrüstung gilt diese Route als gut machbar. Doch bei Neuschnee und Blankeis kann es heikel werden. Als gefährlich gilt vor allem auch ein Wetterumschwung.
Auf dem Gipfel hat sich Gewölk aufgebaut, Nebel zieht herauf. Luis und die Belgier beginnen den Abstieg. Wir warten auf den Rückflug. Die Sicht verschlechtert sich weiter. Viermal muss Pilot Rufener wieder abdrehen. Die Landung ist zu gefährlich. Es droht ein «White-out», bei dem der Pilot bei schneebedecktem Boden, Bewölkung und Nebel keinen Fixpunkt mehr hat, die Orientierung verliert, nicht mehr weiss, wo oben und unten ist und welche Fluglage sein Heli hat. Der Hubschrauber kann rasch abstürzen.
Plötzlich reisst das Gewölk auf. Siegrist funkt: «Jetzt wäre es grad gut hier oben.» Es muss schnell gehen, innert Minuten kann alles wieder zu sein. Der Heli steigt aus der nebligen Tiefe auf, hält schwebend neben dem Grat, der Wind zerrt an der Maschine. Zügig wird eingestiegen, die Türen zugezogen, Pilot ­Rufener dreht sofort wieder ab und leitet den Rückflug ein.
Auf dem Jungfraujoch steigt Stephan Siegrist aus – er will mit einem Gast noch kurz auf den Mönch. «Ein leichter Berg», sagt der Profi-Kletterer. Der Hubschrauber schnurrt weiter ins Tal hinunter.
Dort lagern auf der Basis von Air-Glaciers die Holzskulpturen. Dominic Müller wird sie erst mal in sein Atelier mitnehmen. Ab September werden sie dann im World Nature Forum in Naters VS ausgestellt – so, wie sie Wetter und Wind auf dem Gipfel der Jungfrau geformt haben. (SonntagsZeitung)

Quelle:
https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/Wie-die-Jungfrau-ihre-Unschuld-zurueckbekam/story/30514208

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Gipfeltreffen auf der Jungfrau. Foto: Thomas Senf


Intreview mit dem Künstler Dominic Müller
(Jungfrauzeitung 13.07.2017)

Sie waren bei der Installation Ihrer Werke auf dem Gipfel der Jungfrau dabei – wie war es?
Dominic Müller: Vier der Skulpturen wurden durch ein Team von Bergführern sowie einem Fotografen und einem Filmer auf den Gipfel getragen. Sie sind bereits am Sonntag gestartet, haben dann auf der Mönchsjochhütte übernachtet und sind am Morgen ganz früh gestartet, um – zum Teil auf Skiern – zum Gipfel zu gelangen. Mit einem anderen Team bin ich am Montag um 5.00 Uhr auf der Helikopterbasis Air-Glaciers gestartet. Wir hatten Werkzeug und zwei grosse Objekte dabei, die man nicht hätte rauftragen können. Als wir zum Gipfel flogen, hatte es zu viel Nebel. Wir sagten, dass wir noch warten, und das Team, das gelaufen ist, hat die vier Objekte deponiert. Heute haben wir dann um 5.00 Uhr an einem neuen Tag, neues Glück gesucht. Das Wetter war dabei absolut auf unserer Seite. Gemeinsam mit einem Fotografen, einem Kameramann und Stefan Sigrist haben wir dann die Installationen zusammen aufgebaut.

Inwiefern war denn das Wetter hinderlich am Aufbau?
Wir mussten rauffliegen und die Installationen auf 4000 Metern über Meer verankern. Dazu braucht es Akkubohrer und natürlich genug Akku sowie Befestigungsmaterialien für die Stahlplatten. Der Helikopter hatte aber keinen Zugang zum Gipfel, deshalb haben wir die Aktion am Montag abgesagt. Heute ist es aber voll aufgegangen.

Wie anspruchsvoll ist die Verankerung?
Sie muss gut geplant sein. Von dem her ist das immer eine Herausforderung. Man weiss vorher auch nicht, wie das mit dem Gestein aussieht. Wir hatten zehn Bohrer dabei, falls einzelne kaputt gehen. Man kann auf dieser Höhe ja nicht schnell in eine Werkstatt laufen und einen neuen holen. Da muss alles passen, wenn man die Durchführung angeht – und das hat es heute.
Was hat Sie inspiriert, als Sie an den Objekten gearbeitet haben?
Ich wohne in Beatenberg und schaue jeden Morgen an diese Berge. Das war für mich die Inspiration: die Natur und die Schönheit – auch des Holzes. Ich wollte diesem Holz fliessende Formen verleihen. Ich habe die Vorstellung, mit dem, was ich mache, die Leute zu inspirieren. Zudem ist es ein cooles Projekt. Sieben Leute liefen dafür auf den Gipfel, zu viert haben wir die Installation vorgenommen. Es «fägt», so mit Menschen zu arbeiten und gemeinsam etwas zu erreichen für andere Leute. Es geht darum, einfach zu machen und nicht viel zu überlegen – es ist schön, wenn das aufgeht.

Wie ist es als Künstler für Sie, wenn die eigenen Objekte – wie hier auf einem Berggipfel – an einem Ort aufgestellt sind, wo sie kaum jemand sieht?
Das ist der Reiz daran: dass es gut versteckt ist. Wenn jemand entscheidet, es sich dort anschauen zu gehen, ist das mit viel Aufwand verbunden. Man braucht einen Partner oder Bergführer, und man kommt als anderer Mensch runter, als man war. Ich stelle mir vor, dass gerade darin der Reiz besteht.

Wie ist es, auf der berühmten Jungfrau eine Kunstinstallation aufgebaut zu haben?
Einzigartig. Auf der anderen Seite macht es einen auch demütig. Die Schönheit dort an einem Tag wie heute zu erleben, ist ein Privileg. Das ist das richtige Wort: Es ist ein Privileg, das machen zu können und zu dürfen. (ith)

Quelle:
http://www.jungfrauzeitung.ch/artikel/155408/